Spielwiese // Projekt: Ein Text für jeden Tag

Braucht die Welt einen weiteren Blog? Höchstvermutlich nicht.

Aber vielleicht braucht dieser Blog ja die Welt. Deswegen gibt es ihn. Für Texte, Wortspielereien, Poetisches und Prosaisches, Blödsinn, Neuschöpfungen, Fundstücke, Blödeleien, Kritisches, Ernsthaftes, Witziges, Fragmentarisches, Wichtiges und Überflüssiges, Sinn und Unsinn.
Aus Spaß am Wort, an der Sprache und an der Freude.
Was er davon erst nehmen möchte, entscheide jeder für sich selbst.

In diesem Sinne: Frohes Lesen, frohes Schreiben!

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Odysseus, Eurydike

Komm, nimm mich bei der Hand und dann gehen wir, ganz weit und immer weiter, bis ans Meer und darüber hinaus, wir laufen einfach immer weiter, bis es nicht mehr geht, und wenn es nicht mehr geht, dann gehen wir einfach trotzdem weiter, bis wir irgendwo ankommen, und wenn wir nirgends ankommen, auch gut, dann laufen wir eben, es macht nichts, es macht alles nichts, Hauptsache weiter, wir bleiben nicht stehen, und wenn wir Spuren hinterlassen, was macht das schon?
Vielleicht folgt uns ja jemand, tritt in unsere Fußstapfen, geht unseren Weg ein Stück, bemerkt nicht, dass es nicht seiner ist, sondern unserer, unser Weg, unser Hinweg, unser Hin-und-weg, unser weg, weg wovon? Hauptsache Weg. Hauptsache gehen, Hauptsache weiter, Hauptsache voran, vorwärts, geradeaus, der Nase nach, durch den Sand.
Vielleicht finden wir ja auch irgendwo Spuren und folgen ihnen. Wo mögen wir landen? Am Horizont eines anderen, mitten im Leben eines anderen. Und dann stehen wir unvermittelt vor seiner Tür und klopfen an, aber keiner antwortet, und dann merken wir: Die Tür ist offen, und wir treten ein, Ist hier jemand? Aber niemand antwortet, alles ist leer, adrett eingerichtet, aber die schönen alten Möbel sind von Staub überzogen, in diesem Leben war lange niemand mehr, auch auf dem Sofa hat lange niemand mehr gesessen, es ist schon ganz steif, und der Überwurf bröselt, als wir ihn aufschütteln. Aber was macht das schon? Es ist schön hier, schön hell, ein bisschen staubig vielleicht, aber schön. Hier bleiben wir. Oder? Bleiben. Bleiben. Blei-ben. Blei. Schwer. Nein, wir können nicht bleiben, wir müssen weiter, immer weiter, zu neuen Ufern, neue Wege gehen, Wege, die unsere Leben, die unsere sind müssen wir finden und gehen und leben, weiter also, immer und immer weiter, und alle Grenzen, auf die wir treffen, rennen wir einfach nieder oder springen darüber hinweg, was hindert uns denn? Nichts doch, weiter, die Grenzen rennen wir nieder und über die Tretminen springen wir hinweg, und wenn wir die Welt dabei im Rücken haben, wen schert es denn?
Und manchmal spült das Meer Treibgut an den Strand, Äste von Treibholz, die uns stolpern machen, und hin und wieder ein Relikt aus einem fremden Leben, wollten wir das alles nicht hinter uns lassen? Ach, was kümmert es uns, wir stolpern darüber hinweg und laufen, während neben uns die Sonne, ganz der Romantik verpflichtet, im Meer versinkt. Der Tag geht zünde und wir, wo enden wir? Jetzt spült die Brandung eine Frage an Land, die große Frage, WOHIN? Quo vadis, Wandernder, Rennender, flüchtest du vor etwas, dass du so rennst immerzu? Wovor fliehst du? Komm, halte inne, mach mal eine Pause und komm zu mir, lass das Rennen und lege dich ein wenig zu mir, nur für einen Moment. Und wenn ich dich darum bitte? Sirenen bitten nicht. Komm zu mir. Wer bist du? Wer bist du, dass du dich mir widersetzt? Ja, wer bist du und wer bin ich und wohin? Wohin? Sage mir, hilf mir, trenn dich von deinem Woher und sage nur, Wohin, flüstere es mir zu, leise, dass nur ich es hören kann, ich möchte es gern wissen, WOHIN? Wartende sind wir und Suchende bleiben wir, gleichgültig, was wir tun und wohin wir gehen, denn wir wissen es nicht.

VIELLEICHT

Linien auf weißem Grund

Weiße Linien im weißen Raum, nur sichtbar

für das vertrauende Auge

Glaubst du

an die Linien im weißen Raum?

Ich sehe sie, manchmal

Siehst du, was ich nicht sehe?

Ich sehe was, was du nicht glaubst

zu sehen

Wir sehen gemeinsam vielleicht

nur das

was wir sehen wollen vielleicht

Die Zukunft, wie sie nicht ist, aber sein

kann

Vielleicht

Ein Wort zu tilgen aus allen Wörterbüchern

unseres Geistes

Ein Wort zu vergessen liegenzulassen abzugeben

im Fundbüro

Guten Tag ich hab da

ein Wort gefunden ich

will es nicht haben behalten Sie’s

Ich will es auch nicht lassen wir es

unauffällig verschwinden lassen Sie es

wie einen Unfall aussehen die Versicherung

wird schon zahlen

VIELLEICHT

Verklagen wir sie doch, die sind uns das

VIELLEICHT

schuldig

für immer schuldig geblieben sind sie

uns das

VIELLEICHT

Der Tag, an dem wir aufhören, einen Schatten zu werfen

Der Tag, an dem wir aufhören, einen Schatten zu werfen, wird ein heiterer Tag sein. Wir werden morgens aufwachen und etwas wird anders sein um uns und in uns. Etwas wird fehlen, aber wir werden nicht gleich wissen, was es ist, wir werden nur das diffuse Gefühl eines Verlustes haben, ohne dass wir zunächst genau wüssten, wem oder was es gälte und ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes sei, dass da auf einmal etwas nicht mehr ist oder da nur noch die Abwesenheit von etwas ist, das doch vorher da war oder da gewesen sein muss oder zumindest dagewesen sein könnte.
Wir werden unserem Tagwerk nachgehen und etwas wird weniger sein. Heute ist ein guter Tag, werden wir denken, denn die Arbeit geht uns etwas leichter von der Hand und auch das Herz ist nicht mehr ganz so schwer wie noch am Tag zuvor.
Und etwas wird fehlen und wir werden nicht einsam sein.

Aller Gewissheiten beraubt
stehe ich
vor einem Berg voller Zweifel
Vielleicht liege ich auch
darunter
Nicht einmal das
weiß ich

Wege. Eine Antwort an Hermann Hesse

 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Werter Herr Hesse, so einfach ist das leider nicht mit dem Loslassen und Neubeginnen.

 

Wege

Und wenn sich einst vor uns die Wege teilen,
dann stehn wir ratlos wie vor einem Labyrinth,
und statt zu gehn, erstarrn wir und verweilen,
vor lauter Angst, den falschen Weg zu gehen.
Und weil zu einem Abschied wir nicht fähig sind,
verzagen wir vor jedem Neubeginne.
Denn statt das Glück in einem Weg zu sehen,
sehn nur die Chancen wir, die wir vergeben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne,
das uns erdrückt und das uns hemmt, zu leben.

Wir sollen heiter Weg um Weg beschreiten
und muntren Herzens neue Schritte wagen –
doch Zweifel drücken uns, und wir verzagen
und stehn gelähmt vor all den Möglichkeiten.
Und plötzlich sehn wir Einem ins Gesicht
und sehen klar; das Herz weiß: Hier gehör‘ ich hin!
Doch dieses Menschen Weg kreuzt unsern nicht.
Wir treiben weiter, halt- und ratlos, ohne Sinn.

Auf dass das Herz bloß jeden Schmerz vermeide,
verwarten wir im Zwiespalt unsre Stunden.
Doch mutlos ward noch kein Weg je gefunden.
Wohlan denn, Herz, sei mutig und entscheide!

Hermann Hesse – Stufen

Stolpern

Ich bin gestolpert
Einfach so hinein-
gestolpert
Jetzt sind da überall Scherben
Eine Menge ist
zu Bruch gegangen
Auch mein Herz
wird nicht unbeschadet davonkommen

Und trotzdem
bin ich
glücklich?